Am 28. Mai 2026 wurde in Namibia am offiziellen Genozid-Gedenktag an den Völkermord an den Herero und Nama erinnert.
Dieser Tag mahnt uns als Mitglieder der Demokratie AG Ostsachsen, die deutsche Kolonialgeschichte nicht als fernes oder abgeschlossenes Kapitel zu betrachten, sondern als Teil unserer gemeinsamen Gegenwart. Zwischen 1904 und 1908 verübten deutsche Kolonialtruppen im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“, dem heutigen Namibia, schwerste Verbrechen an den Herero und Nama. Zehntausende Menschen wurden in die Wüste gedrängt und getötet und ihrer Lebensgrundlagen beraubt.
Die Bundesrepublik Deutschland hat diese Verbrechen offiziell als Völkermord anerkannt. Diese Anerkennung ist ein wichtiger Schritt, aber sie ist kein Schlusspunkt. Erinnerung bedeutet Verantwortung: gegenüber den Opfern, gegenüber ihren Nachfahren und gegenüber einer demokratischen Gesellschaft, die bereit sein muss, auch die dunklen Seiten der eigenen Geschichte zu benennen. Gerade dort, wo Geschichte lange verdrängt oder nur am Rand erzählt wurde, braucht es öffentliche Aufmerksamkeit, Bildung und eine klare Haltung.
Für uns in Ostsachsen ist dieses Gedenken auch deshalb wichtig, weil Kolonialismus nicht nur in Berlin, Hamburg oder Übersee stattfand. Auch unsere Region war auf vielfältige Weise mit kolonialen Vorstellungen, Netzwerken, Vereinen und wirtschaftlichen Interessen verbunden. Beispiele wie Paul Graetz (1875-1968), geboren bei Zittau, dessen Afrikadurchquerung mit dem Automobil zwischen 1907 und 1909 koloniale Mobilitäts- und Erschließungsfantasien sichtbar macht, zeigen, wie eng technische Fortschrittsnarrative mit kolonialen Machtverhältnissen verwoben waren.
Auch Personen wie Adda Valesca Caroline Emma Freifrau von Liliencron (1844-1913), die in Sproitz bei Görlitz wohnhaft war, verweisen auf die kulturelle Dimension kolonialer Verflechtungen. Als Schriftstellerin veröffentlichte sie Erzählungen, Darstellungen und Gedichte über Deutsch-Südwestafrika. Solche Texte trugen dazu bei, koloniale Bilder und Hierarchien in der deutschen Öffentlichkeit zu verbreiten. Hinzu kamen regionale Vereine und wirtschaftliche Akteure: So unterstützte etwa der Verein der Industriellen der Kreise Rothenburg OL und Hoyerswerda koloniale Aktivitäten des Kaiserreiches und unterzeichnete einen öffentlichen Aufruf zur Organisation des Ersten Deutschen Kolonialkongresses 1902.
Diese Beispiele zeigen: Kolonialismus war kein entferntes Randphänomen, sondern Teil gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wirklichkeiten – auch in Ostsachsen. Erinnerung bedeutet daher, lokale Spuren sichtbar zu machen und zu fragen, welche Bilder, Begriffe und Machtverhältnisse bis heute nachwirken.
Gedenken heißt nicht, Schuld pauschal auf spätere Generationen zu übertragen. Gedenken heißt, Verantwortung zu übernehmen: für Wissen, für Sprache und für eine Erinnerungskultur, die nicht erst dort beginnt, wo Geschichte bequem ist. Wer Demokratie stärken will, muss Ausgrenzung, Rassismus und Gewalt in ihrer historischen Tiefe verstehen. Dazu gehört auch die koloniale Vergangenheit Deutschlands.
Wir als Mitglieder der Demokratie AG Ostsachsen setzen uns daher dafür ein, dass der Genozid an den Herero und Nama stärker in Bildungsarbeit und in regionaler öffentlicher Erinnerung sichtbar wird. Denn eine lebendige Demokratie braucht Menschen, die hinschauen, nachfragen und sich nicht mit Vergessen zufriedengeben.
